Aufrichtige Erzählungen eines armseligen Pilgers

Aufrichtige Erzählungen eines armseligen Pilgers

Unter diesem selbstgewählten Titel nahm Pfarrer Michael Kneißl im katholischen Kirchenzentrum Schwanstetten und eine Woche vorher im kath. Vereinshaus, Wendelstein die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine besondere Reise: auf die Spuren seiner eigenen Pilgerwege und zugleich auf eine Reise durch die Geschichte und Bedeutung des Pilgerns. An beiden Abenden gab es volles Haus. Pilgern bedeutet – sich auf den Weg machen, oder salopp ausgedrückt: sich vom Acker machen.

In rund 35 Jahren hat Pfarrer Kneißl 27 Pilgerreisen unternommen und dabei zahlreiche Länder und bedeutende Wallfahrtsorte bereist – von Rom bis Israel. In jüngeren Jahren waren Tagesetappen von bis zu 50 Kilometern keine Seltenheit. Auch heute können es noch bis zu 30 Kilometer am Tag sein. Grundsätzlich gilt: Was zu Fuß geht, wird zu Fuß gegangen. Eine Wasserüberquerung mit Schiff oder Boot ist erlaubt, und auch ein Pferd wäre gestattet – wenn Pfarrer Kneißl denn reiten könnte. Inzwischen darf gelegentlich auch einmal eine Teilstrecke mit dem Zug zurückgelegt werden. Allein ist er dabei nie unterwegs. Eine kleine Gruppe vertrauter Weggefährten begleitet ihn. Denn Pilgern bedeutet für Pfarrer Kneißl weit mehr als sportliche Herausforderung oder touristisches Reisen. Einen gewöhnlichen Urlaub am Strand oder im Hotel könne er sich kaum vorstellen: „Da komme ich nicht zur Ruhe.“ Auf dem Weg dagegen könne er seine Gedanken ordnen, zur Ruhe kommen und den Blick auf das Wesentliche richten. Dass das Pilgern eine lange christliche Tradition hat, zeigte Pfarrer Kneißl anhand zahlreicher Beispiele aus der Bibel. Die Weisen aus dem Morgenland folgten dem Stern, die Heilige Familie musste vor Herodes fliehen, und Jesus selbst machte sich am Palmsonntag auf den Weg nach Jerusalem. Auch heute führen Pilgerwege zu großen Wallfahrtsorten wie Jerusalem, Rom, Altötting oder Vierzehnheiligen.

Recht amüsant wurde der Vortrag, wenn Pfarrer Kneißl aus seinem eigenen Pilgeralltag erzählte.

Sein treuer Begleiter ist ein Pilgerstab, den er nach dem Tod eines früheren Wegkreuzers Alfred Winkler vererbt bekam. Der Stab hilft nicht nur beim Auf- und Abstieg: Abends kann er kurzerhand zur Wäscheleine umfunktioniert werden – quer durch ein gekipptes Fenster gesteckt, trocknet daran auch gewaschene oder regennasse Kleidung. Während moderne Pilger häufig mit hochgerüsteten Outdoor-Schuhen unterwegs sind, bleibt Pfarrer Kneißl seinen bewährten Lederhalbschuhen treu. Seine Erfahrungen mit Wanderschuhen waren offenbar weniger überzeugend.  

Ein Navigationsgerät braucht der erfahrene Pilger ebenfalls nicht. Karte und Orientierungssinn reichen ihm völlig. Stimmen, die ihm vorschreiben, wo es langgehen soll, kann er gut entbehren – und damit meinte er vermutlich nicht nur elektronische Navigationssysteme. Seine längste Reise führte ihn 820 Kilometer durch Frankreich nach Taizé, die er in 20 Tagen bewältigte.

Auch der Humor kommt auf seinen Pilgerwegen nicht zu kurz. Bei einer Station in Rothenburg ob der Tauber sollte für den Besuch einer Kirche Eintritt bezahlt werden. Pfarrer Kneißl erklärte kurzerhand, er sei schließlich Pilger und müsse doch sicherlich keinen Eintritt zahlen. Daraufhin erhielt er die Erlaubnis, die Kirche ohne Eintritt zu betreten – allerdings mit der gestrengen Auflage: „Dann dürfen Sie aber wirklich nur beten.“  

So wurde der Abend zu einer Mischung aus Reisebericht, Glaubenszeugnis, Kulturgeschichte und humorvollen Geschichten vom Weg. Und vielleicht lag darin auch die wichtigste Botschaft des Abends: Pilgern bedeutet nicht allein, einen bestimmten Ort zu erreichen. Es bedeutet, sich auf den Weg zu machen – äußerlich und innerlich.  

Nach gesundheitlich schwierigen Zeiten im vergangenen Jahr ist Pfarrer Kneißl dankbar, dass es ihm wieder gut geht. Und so darf man gespannt sein, wohin ihn sein Weg als Nächstes führen wird. Denn eines wurde an diesem Abend deutlich: Für einen echten Pilger ist der Weg wohl niemals ganz zu Ende.

Elisabeth Ziem

Julia Kolb übergab Pfarrer Kneißl Proviant für die nächste Tour

Bilder: Konrad Sailer u. Kolping Schwanstetten